Ansichten eines früheren Zivis
Als ich noch eine junger Kerl war und nach dem Abitur nicht viel mit mir anzufangen wusste, war ich im Grunde genommen froh, dass Vater Staat mir noch ein wenig Bedenkzeit gab und mich als Zivildienstleistenden zur ambulanten Altenpflege schickte. Viele meiner Bekannten wurden nicht eingezogen oder drückten sich sogar vor dem Dienst am Staate, da sie nicht viel davon hielten, wovon ich wiederum nicht viel halte. Die Zeit, sagten viele, sei ihnen zu kostbar. Sie wollten sofort studieren oder sofort eine Ausbildung beginnen, ohne neun Monate ins Land ziehen zu lassen bzw. zu “verlieren”. Doch von “Verlust”, denke ich mir, kann doch eigentlich nicht die Rede sein, wenn man bedenkt, dass der Zivildienst eine wichtige Stütze unseres Gesundheitswesens ist. Beziehungsweise: gewesen ist.
Heute gibt es den Zivildienst nicht mehr. Man hat ihn abgeschafft, so, als ob der Zivildienst etwas gewesen wäre, das keinen “Nutzen” gebracht hätte. Ich weiß, dass der Zivildienst im Zuge der Abschaffung der Wehrpflicht beseitigt worden ist, dennoch hätte man diesen Ersatzdienst aus meiner Sicht besser aufrecht erhalten sollen. Nicht nur, weil er als wichtiger Pfeiler des deutschen Gesundheitswesens gesehen werden muss, sondern auch, weil viele Zivildienstleistende bei ihrer Tätigkeit sehr viel gelernt haben. Die Einblicke, die wir bekommen haben, haben uns in unserem Denken beeinflusst. Die Erfahrungen, die wir als Zivis gemacht haben, haben uns sehr geprägt.
Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie schwer die ersten Wochen in der ambulanten Altenpflege gewesen sind. Ich wurde, wie die meisten Zivis, die in der Altenpflege landen, gleich am ersten Tag ins kalte Wasser geschmissen. Die Einsatzleiterin nahm mich mit auf eine “Reise”, die ich bis heute nicht vergessen habe und die ich auch zukünftig nicht mehr vergessen werde. Wir fuhren zu Patienten mit schweren Wunden und Behinderungen, zu schwer erkrankten, alten Menschen, teilweise an Maschinen hängend. Ich sah der Einsatzleiterin zu, wie sie den gebrechlichen Menschen half, sie wusch, anzog und pflegte. Es war ein mulmiges Gefühl für einen, der derart kranke und hilfsbedürftige Menschen noch nie wirklich zu Gesicht bekommen hatte.
Nach einer zweiwöchigen Schulung, in der ich das Wichtigste für meine Arbeit als Altenpfleger mit auf den Weg bekommen hatte, musste ich selber ran: Pflegen, transferieren, Medikamente verabreichen, kochen, Besorgungen tätigen, Darm und Blase entleeren. Und vor allem: da sein. Viele Menschen haben im Alter niemanden, mit dem sie reden können. Einsam fristen sie ein trauriges “Leben” und haben meist nur einen einzigen Freund, den ich oft – zu oft – im Kühlschrank bzw. im Schnapsschrank angetroffen habe. Deutlich habe ich erkannt, dass gerade diese Menschen Gesellschaft brauchen, damit sie nicht von der Einsamkeit und vom Alkohol zerfressen werden. Heute frage ich mich in Anbetracht der Tatsache, dass der Zivildienst abgeschafft worden ist: Wer wird diesen Menschen nun Gesellschaft leisten?
Man hat den Zivildienst und die Wehrpflicht abgeschafft, und ich weiß bis heute nicht, was die eigentlichen Hintergründe sind. Das deutsche Gesundheitswesen braucht den Zivildienst. Ohne diese soziale Institution droht das ohnehin schon fragile Gebilde einzustürzen. Daran wird sicherlich auch der schnell und hastig zusammengestrickte Bundesfreiwilligendienst (BFD) nicht viel ändern. Ich sehe Plakate, auf denen steht: “Nichts erfüllt mehr, als gebraucht zu werden.” Ich kann diesen Satz, der für den Bundensfreiwilligendienst werben soll, zu 100 % unterschreiben. Denn meine Zivi-Zeit, in der ich viel gelernt habe und einer sinnvollen Arbeit nachgegangen bin, hat mir persönlich sehr viel gebracht.
Was haltet ihr von der Abschaffung des Zivildienstes? Welche Erfahrungen habt ihr als Zivildienstleistende gemacht?
Als alter Bundeswehrler kann ich da nicht so mitreden. Tatsache ist, dass das Gesundheitssystem krankt. Ob man da den Zivi als billige Ersatzarbeitskraft hätte jemals einsetzen dürfen, das wäre auch eine Frage….
Ich kann mir gut vorstellen, dass du als “alter Bundeswehrler” auch viele prägende Erfahrungen gemacht hast. Fast alle Bundeswehrler, die ich kenne, haben es nicht bereut, Bundeswehrler gewesen zu sein. Genauso wie ich es nicht bereue, Zivi gewesen zu sein.